Kurze Antwort: Ein Planet ist ein Morgenstern (oriental), wenn er vor der Sonne aufgeht. Er ist ein Abendstern (okzidental), wenn er nach der Sonne untergeht. Die klassische Astrologie las diese beiden Phasen als unterschiedliche Zustände von Stärke und Bedeutung. Ein Planet an seinem heliakischen Aufgang oder Untergang "macht eine Phasis", einen Moment besonderer Prominenz. Ein Planet dagegen, der in den Sonnenstrahlen verborgen liegt, wird durch Verbrennung geschwächt.
Lange vor den Teleskopen baute die Astrologie auf dem auf, was ein aufmerksamer Beobachter tatsächlich sehen konnte. Eines der wichtigsten Dinge, die es zu verfolgen galt, war das Verhältnis eines Planeten zur Sonne. Hatte er sich aus ihrem Blendlicht befreit? An welcher Stelle dieses Zyklus stand er gerade? Wie nah saß er der Sonne? Aus dieser einen Frage der Sichtbarkeit entwickelte die Tradition eine ganze Reihe von Unterscheidungen: Morgenstern gegen Abendstern, Phasis, Sekte und Verbrennung. Jede von ihnen veränderte, wie ein Planet gedeutet wurde.
Phasis: Der Moment, in dem ein Planet erscheint oder verschwindet
In der hellenistischen Astrologie "macht ein Planet eine Phasis" in einem von zwei Schwellenmomenten. Der erste ist sein heliakischer Aufgang, wenn er nach einer Zeit der Verborgenheit erstmals aus den Sonnenstrahlen in die Sichtbarkeit hervortritt. Der zweite ist sein heliakischer Untergang, wenn er ein letztes Mal zurück in diese Strahlen verschwindet. Die Elongation, bei der dies bemessen wurde, war konventionell auf etwa 15 Grad von der Sonne standardisiert.
Machte ein Planet nahe der Geburtszeit eine Phasis, also etwa sieben Tage davor oder danach, so galt das als bemerkenswert prominent. Mehrere Autoren verknüpften dies mit dem Handeln und dem Beruf eines Menschen. Die Gewichtung unterschied sich je nach Autor: Paulus Alexandrinus betonte im vierten Jahrhundert besonders den heliakischen Aufgang, während Porphyrios und Rhetorios, und später Abu Ma'schar, sowohl Aufgang als auch Untergang würdigten.
Phasis ist nicht dasselbe wie das allgemeine Oriental- oder Okzidentalsein. Sie markiert die spezifischen Schwellenmomente des Erscheinens und Verschwindens, nicht die gesamte Zeitspanne, die ein Planet auf einer Seite der Sonne verbringt. Ein Planet ist nur kurz in Phasis, am Rande der Sichtbarkeit, nicht für die Wochen, die er Morgen- oder Abendstern bleiben mag.
Morgenstern und Abendstern
Sobald ein Planet sich klar aus den Sonnenstrahlen erhoben hat, ist er entweder ein Morgenstern oder ein Abendstern. Ein orientaler, oder matutiner, Planet geht auf und wird kurz vor der Morgendämmerung am östlichen Himmel sichtbar, vor der Sonne. Ein okzidentaler, oder vespertiner, Planet ist im Westen kurz nach Sonnenuntergang sichtbar, hinter der Sonne. Die Begriffe bilden saubere Paare: matutin und oriental sind Synonyme, ebenso vespertin und okzidental.
Hier liegt die wichtigste Falle des Themas. Wenn wir sagen, ein Planet sei "oriental von der Sonne", dann steht er tatsächlich westlich der Sonne im Tierkreis, bei einer niedrigeren ekliptikalen Länge. Das klingt zunächst verkehrt herum, ergibt aber Sinn, wenn man die Aufgangsreihenfolge bedenkt. Punkte mit niedrigerer Länge überqueren den östlichen Horizont zuerst, der Widder geht also vor dem Stier auf. Ein Planet, der vor der Sonne aufgeht, muss deshalb bei einer niedrigeren Länge stehen: westlich der Sonne, mit westlicher Elongation am Himmel. Ein Planet, der "okzidental von der Sonne" steht, ist das Spiegelbild davon: höhere Länge, östliche Elongation, östlich der Sonne und nach ihr untergehend. Die Begriffe beschreiben also, wann ein Planet relativ zu Sonnenauf- und -untergang sichtbar ist, nicht auf welcher Seite des Horoskoprades er steht.
Eine weitere Warnung: Die Wörter oriental und okzidental haben eine eigene zweite Bedeutung, die sich auf die Position eines Planeten in der östlichen gegenüber der westlichen Hemisphäre des Horoskops bezieht, nahe dem Aszendenten oder Deszendenten. Im gesamten Artikel meinen wir die Phase relativ zur Sonne, nicht die Horoskophemisphäre.
Wie die Phase die Stärke verändert: Die oberen Planeten
Bei den oberen Planeten, Mars, Jupiter und Saturn, las die Tradition die orientale Phase als die proaktivere. Sie verläuft von der Konjunktion mit der Sonne hin zur Opposition: Der Planet trennt sich, gewinnt an Elongation und bewegt sich auf seine vollste Sichtbarkeit zu. Klassische Autoren lasen dies als raschere, nach außen gerichtete Entfaltung, oft an frühere Lebensereignisse geknüpft.
Die okzidentale Phase verläuft umgekehrt, von der Opposition zurück zur Konjunktion. Der Planet schwindet in der Sichtbarkeit und verlangsamt sich in seiner synodischen Bewegung. Die Tradition las dies als verzögerter und allmählicher, mit Bedeutungen, die sich später im Leben entfalten. Sauberer gefasst ist es proaktiv-und-rasch gegen langsam-und-verzögert, statt eine plumpe Gut-gegen-Schlecht-Teilung: Ein orientaler oberer Planet handelt früher, ein okzidentaler später.
Warum die unteren Planeten anders sind
Es ist verlockend, diese Regel direkt auf Merkur und Venus zu übertragen, doch das ist ein echter Fehler. Die unteren Planeten entfernen sich nie weit von der Sonne. Sie schwingen über sie hin und her und wechseln zwischen Morgenstern- und Abendsterngestalt, anstatt den langen Bogen von der Konjunktion zur Opposition eines oberen Planeten zu durchlaufen. Tatsächlich können sie überhaupt nie eine Opposition zur Sonne erreichen, sodass dieser Zyklus schlicht nicht auf sie zutrifft.
Aus diesem Grund behandelten klassische Quellen die Morgenstern- und Abendsternphasen von Venus und Merkur im Allgemeinen als zwei wahrhaft verschiedene Ausdrucksweisen, nicht als ein einfaches Stärker-gegen-Schwächer-Paar. Es gibt eine weitere Feinheit: Jeder untere Planet durchläuft sowohl eine untere Konjunktion, während er rückläufig ist, als auch eine obere Konjunktion, während er direktläufig ist. Aus jeder dieser beiden Konjunktionen heraus kann er zum Morgen- oder Abendstern werden. Seine Orientalität oder Okzidentalität hängt also davon ab, auf welcher Seite der Sonne er gerade auf- oder untergeht, nicht von einem einzigen festen Wendepunkt.
Merkurs wechselnde Sekte
Merkur trägt eine Eigenheit, die kein anderer Planet teilt: Seine Sekte ändert sich mit seiner Sonnenphase. Bei allen anderen Planeten liegt die Sektenzugehörigkeit fest. Die diurnalen, also die Tagesplaneten, sind Sonne, Jupiter und Saturn. Die nokturnalen, also die Nachtplaneten, sind Mond, Venus und Mars. Merkur allein hat keine eigene Sekte. Er gilt als diurnal, wenn er oriental ist, also ein Morgenstern, und als nokturnal, wenn er okzidental ist, also ein Abendstern. In einem Tageshoroskop steht ein orientaler Merkur damit in der Sekte, während ein okzidentaler Merkur außerhalb der Sekte steht. In einem Nachthoroskop ist es umgekehrt. Dieser wandelbare, "gemeinsame" Status geht darauf zurück, dass Ptolemäus Merkur als gemeinsam bezeichnete, und ist unter den Planeten einzigartig. Wie Sekte und Phase zusammenwirken, lässt sich in deiner eigenen Geburtshoroskop-Deutung erkennen.
Verbrennung, unter den Strahlen und Cazimi
Die Sichtbarkeit erklärt auch das berühmte Trio der Sonnennähe-Zustände, die sich nur darin unterscheiden, wie nah ein Planet der Sonne sitzt. Von innen nach außen:
- Cazimi, "im Herzen der Sonne", ist das engste Band, innerhalb von ungefähr 17 Bogenminuten (manche Traditionen verwenden etwa ein Grad). Dieser Zustand ist kräftigend.
- Verbrennung ist das enge Band direkt außerhalb von Cazimi, gemeinhin innerhalb von etwa 8,5 Grad bemessen. Ein verbrannter Planet ist schwer beeinträchtigt, sein Licht von der Sonne überwältigt.
- Unter den Strahlen ist die weitere Zone verdunkelter Sichtbarkeit, gemeinhin bis etwa 15 Grad angegeben. Ein Planet hier ist gemindert, jedoch ohne die volle Schwere der Verbrennung.
Der entscheidende Gegensatz ist, dass Cazimi und Verbrennung in ihrer Wirkung entgegengesetzt sind, obwohl beide einen Planeten sehr nah an die Sonne stellen. Cazimi stärkt, Verbrennung schwächt. Und verbrannt ist nicht austauschbar mit unter den Strahlen: Verbrannt ist das engere, schädlichere innere Band, während unter den Strahlen die sanftere äußere Verdunkelung ist.
Eine praktische Anmerkung zu den genauen Zahlen: Sie sind traditionsabhängig, nicht universell. Das weithin verbreitete Paar von 8 Grad 30 Minuten für die Verbrennung und 17 Bogenminuten für Cazimi ist eine Lilly'sche, westliche Konvention, nicht der einzige oder ursprüngliche Maßstab. Sahl ibn Bischr verwendete stattdessen einen ungefähr einheitlichen Orbis von etwa 15 Grad. Im Internet kursiert außerdem oft eine nach Planeten differenzierte Tabelle: Merkur etwa 14 Grad (12 rückläufig), Venus etwa 10 Grad (8 rückläufig), Mars etwa 17 Grad, Jupiter etwa 11 Grad, Saturn etwa 15 Grad und der Mond etwa 12 Grad. Diese Werte stammen jedoch aus der indischen Tradition, aus der Brihat Parashara Hora Shastra und der Phaladeepika, nicht aus der westlichen mittelalterlichen Astrologie. Moderne westliche Praktiker übernehmen sie trotzdem häufig.
Die Sichtbarkeit hängt wirklich vom Planeten ab
Hinter all dem steht ein Stück beobachtende Astronomie. Die runde 15-Grad-Zahl, die für die Phasis verwendet wird, ist eine astrologische Konvention, keine wörtliche Sichtbarkeitsschwelle für jeden Körper. In Wirklichkeit tritt jeder Planet bei einer anderen Elongation aus dem Blendlicht der Sonne hervor, seinem eigenen Arcus visionis oder Sehbogen. Hellere Planeten brauchen einen kleineren Bogen, schwächere einen größeren. Die Venus, der hellste Planet, lässt sich bei der kleinsten Elongation einfangen, während ein schwächerer oberer Planet wie Saturn einen weiteren Abstand braucht, um die Dämmerung zu durchbrechen. Die tatsächliche heliakische Sichtbarkeit verschiebt sich zudem mit der ekliptikalen Breite des Planeten und der geografischen Breite des Beobachters. Der 15-Grad-Maßstab war schlicht eine bequeme runde Zahl.
Häufig gestellte Fragen
Ist ein Planet immer schwächer, wenn er der Sonne nahe ist?
Nicht immer, und das ist der überraschende Teil. Ein Planet innerhalb der Verbrennung oder unter den Strahlen ist geschwächt, sein Licht von der Sonne überwältigt. Doch ein Planet in Cazimi, innerhalb von ungefähr 17 Bogenminuten vom Sonnenmittelpunkt, ist gestärkt statt geschädigt. Die Nähe zur Sonne wirkt also in beide Richtungen: Der genaue Abstand entscheidet über das Urteil.
Was ist der Unterschied zwischen Phasis und dem Oriental- oder Okzidentalsein?
Oriental oder okzidental zu sein beschreibt eine ganze Phase, die Zeitspanne, die ein Planet als Morgenstern oder Abendstern verbringt. Phasis ist weit enger gefasst: Sie ist der einzelne Schwellenmoment des heliakischen Aufgangs oder Untergangs, in dem ein Planet erstmals aus den Sonnenstrahlen erscheint oder zuletzt in ihnen verschwindet. Ein Planet ist nur kurz in Phasis, am Rande der Sichtbarkeit, und genau dieser Moment wurde als besonderes Zeichen der Prominenz gelesen.
Warum wechselt Merkur die Sekte, aber kein anderer Planet?
Die anderen Planeten haben eine feste Sekte: Sonne, Jupiter und Saturn sind diurnal, während Mond, Venus und Mars nokturnal sind. Merkur allein hat keine eigene Sekte und bezieht seinen Status aus seiner Phase: diurnal, wenn er ein Morgenstern ist (oriental), und nokturnal, wenn er ein Abendstern ist (okzidental). Diese wandelbare Natur lässt sich auf Ptolemäus zurückführen, der Merkur als gemeinsam beschrieb.
Den Himmel lesen, wie es die alten Astrologen taten
Der rote Faden, der durch Phasis, Sekte und Verbrennung läuft, ist dieselbe bescheidene Frage, die die Alten an jedem Morgen und Abend stellten: Kann ich diesen Planeten sehen, und an welcher Stelle seines Zyklus aus Erscheinen und Verschwinden steht er gerade? Morgenstern oder Abendstern, aufgehend oder verborgen, gestärkt im Herzen der Sonne oder ertränkt in ihren Strahlen: All dies sind Antworten auf jene eine Frage der Sichtbarkeit. Um mehr von den klassischen Bausteinen hinter einem Horoskop zu erkunden, behandelt der übrige AstroAk-Blog Aspekte, Sekte und Zeitqualität auf dieselbe klar verständliche Weise.